Psst, he Du!

Ich brülle eigentlich nicht so viel, dachte ich. Doch langsam habe ich das Gefühl, ich merke gar nicht mehr, wenn ich brülle. Wohlgemerkt nicht anbrüllen, sondern rumbrüllen. Ich brülle den Namen meiner Tochter, oder ich brülle in eines der anderen Zimmer, oder auch einfach nur laut. Warum? Damit jemand zu mir kommt. Um mir zuzuhören. Weil ich für die Kleinigkeit, die ich sagen möchte, nicht aufstehen will. Faulheit, Dummheit, Unaufmerksamkeit, Eitelkeit?

Geschrei erzeugt Gegengeschrei

Das ganze Gebrülle begann mir tatsächlich erst so richtig aufzufallen, als meine Tochter zum Schlafen in ihr Zimmer umgezogen ist. Morgens – oder wahlweise in der Nacht – werde ich durch ein lauthals krakeeltes, mit einem Tom-Waits-Timbre vorgetragenes „Maaaaamaaaaa, komm maaaal“ an das Bett meiner Tochter zitiert. Das ist natürlich ein 1a Spiegel meines eigenen, vorbildlichen Verhaltens. Wie so oft.

Die Gegenprobe lieferte mir eine starke Erkältung mit anschließender Heiserkeit. Während ein paar wichtige mündliche Prüfungen anstanden und ich mich darauf vorbereitete, meinen Prüfern die Antworten auf ihre Fragen notfalls ins Ohr zu flüstern. Kam das Flüstern bei meiner Tochter sehr gut an. Das machtvolle Instrument des elterlichen Donnerhalls hatte sich in ein leises Säuseln verwandelt. Wenn ich etwas von meiner Tochter wollte, ob sie kommen sollte, oder etwas lassen sollte, ich etwas fragen wollte. Ich musste wohl oder übel aufstehen und zu ihr gehen, mich hinunterbeugen und in moderater Lautstärke meine Wünsche vortragen. Nach zwei Tagen flüsterten wir alle beide nur noch. Überhaupt flüstern die Menschen gerne zurück, wenn man sie anflüstert.

Wer ich? Genau!

Das ganz leise Sprechen war also nicht nur für meine Stimme erholsam. Es hat mir auch sehr genau gezeigt, wie oft ich durch die Gegend brülle. So viel häufiger als ich dachte. Seitdem versuche ich, mich und meine Stimme im Zaum zu halten und mich selbst mehr auf die liebe Familie zuzubewegen.

Meine Tochter war aber doch ganz froh, als ich wieder ihre Lieblingslieder ganz laut schmettern konnte. Und die Prüfungen sind auch gut gelaufen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.