Es gibt keine gute Gewalt

Es liegt ein wenig abseits meines Blog-Themas, aber da ein Teil des Artikels quasi im Sandkasten spielt, will ich etwas zur ungesunden Verknüpfung kindlichen Verhaltens und Erziehung mit der aktuellen Debatte um die gewaltsamen Übergriffe auf Frauen in Köln und anderen Städten und der Rolle des „deutschen Manns“ darin schreiben.

Ich will meine Tochter nicht zum Schlagen anhalten, auch nicht zum zurückschlagen. Jan Fleischhauer fragt in seiner Kolumne „Aua, Papa“ auf Spiegel online, ob wir unseren Kindern zu viel Pazifismus antun (Studien zeigen leider immer wieder, dass wir unseren Kindern immer noch zu viel Gewalt antun (ca. 40%). Das ist die bittere Wahrheit).

Alltägliche Sandkastengeschichten

Nachdem eine neuseeländische Studie zur steigenden Anzahl von Waffen in Lego-Packungen (30%) als Folie herhalten muss, erzählt Fleischhauer eine Anekdote aus dem Sandkasten. Sein 15 Monate alter Sohn habe die Angewohnheit, manchmal andere Kinder zu schubsen und zu schlagen. Er und seine Frau versuchten, das zu verhindern – so weit so alltäglich.

Nun habe der Kleine neulich im Sandkasten einen 3 Jahre alten Jungen geschlagen, der mit einem „Aua, Papa“ um Hilfe gerufen habe. Er schlussfolgert, dass der Junge sich nicht alleine wehren könne, ob körperlich oder verbal lässt er offen. Dann fragt er, ob sich darin nicht ein zu großes Maß pazifistischer Erziehung zeige (er nimmt sich aus diesem Erziehungs-Wir gar nicht aus).

Als deren direkte Konsequenz er, im Einklang mit zahlreichen anderen Medien, den neuen Opfermann ausmacht, der nicht mehr gelernt hat, männlich (also mit Gewalt?) einzugreifen. Durch seine Erziehung zur Untätigkeit verdammt, scheint auch er Opfer der Gewalt zu sein, die den Frauen angetan wurde.

National Rifle Association (NRA)

Ich finde nicht nur die Analogie zwischen Sandkasten und Kölner Domplatte fraglich, sondern auch die implizite Annahme, dass durch mehr Gewalt weniger Gewalt entstünde. Das ist eine ähnliche Argumentation wie die der NRA in den USA. Mehr Schusswaffen im alltäglichen Umlauf bedeuten aber mehr Verletzte und Tote durch Schusswaffen, nicht weniger. Fordert Fleischhauer dazu auf, das Gewaltmonopol des Staates infrage zu stellen, wenn er Männer zu mehr Selbstjustiz aufruft? Denn Notwehr – die einzige Form der privaten, vom Staat tolerierten Gewalt – ist es nicht, wenn ein Mann einen anderen „in die Schranken weist“.

Sind so kleine Hände…

Es gibt keine guten Schläge. Ich selber will nicht dazu gezwungen werden, jemanden zu schlagen – indem ich mich zum Beispiel wehre. Und auch Männer dürfen sich dazu entscheiden, nicht zuschlagen zu wollen.

Kinder lernen von ihrer direkten Umgebung, von anderen Kindern und testen ihre Grenzen ständig aus, üben den sozialen Umgang miteinander – auch auf physischer Ebene – und das ist vollkommen richtig so.  Es ist ein frei flottierendes Spiel, in das wir als Erwachsene nur selten aktiv eingreifen können. Es ist vielmehr unser eigener Umgang mit und unsere Einstellung zur Gewalt, mit denen wir das Verhalten unserer Kinder am meisten beeinflussen.

Schlimmer als Lego

Laut verschiedener Studien, unter anderem einer des Bundesministerium für Familie werden 25% aller Frauen im Alter von 16-85 Jahren mindestens ein Mal Opfer häuslicher Gewalt und rund eine Million Männer werden in Deutschland  jährlich Opfer häuslicher Gewalt. Nehmen wir noch die Zahl aus dem ersten Absatz dazu: 40% der Eltern in Deutschland tun ihren Kindern Gewalt an. Wir selber tragen einen Großteil der Gewalt in den Alltag unserer Kinder und nicht die Waffen in den Lego-Packungen. Man kann schlecht sagen, dass man so Pazifisten erzieht.

Bestimmt, wahrscheinlich und hoffentlich haut Herr Fleischhauer seinen Sohn nicht (und wird auch selber nicht gehauen), so wie ich meine Tochter bestimmt, wahrscheinlich, hoffentlich niemals hauen werde. Aber irgendwo sind die Kinder, die Gewalt erfahren und weitergeben, auch als Erwachsene. Das rechtfertigt keine Gewalt gegen andere, aber es rechtfertigt erst recht keine Aufforderung zu einer Erziehung, die Gewalt als ein Mittel zur Konfliktlösung akzeptiert. Es gibt keine guten Schläge.

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